Später kam Hilde zu uns an den Tisch und sagte, es sei nun bald Schluss. Um eins mache sie zu und das sei in einer halben Stunde.
„Also ein Bier noch und dann ist wirklich Schluss für heute. Kommt morgen gerne wieder, Jungs. Dann gebe ich Euch mal eins aus.“

Sehr geschäftstüchtig, die Hilde. Aber nett. Also trank ich aus und schickte mich an, zu gehen. Werner bestand nochmals darauf, dass er zahlt und so ging ich noch mal aufs Klo und Werner zahlte. Ich bedankte mich nach meiner Rückkehr vom Klo bei Werner und wir machten ganz unverbindlich aus, uns mal wieder zu treffen, war doch nett und lustig. Werner ging zu Fuß, er wohnte ja jetzt nur ein paar Häuser weiter. Sehr praktisch.
Als ich wieder an der frischen Luft war, merkte ich den Alkohol noch mehr. Puh, ich war das so nicht gewohnt. Mal abends ein Bier, ok, aber heute waren es ein paar mehr, das hatte ich so gar nicht vorgehabt. Es regnete wieder stärker.
„Meine Güte, hoffentlich ist das Auto nicht weg geschwommen“ faselte ich so vor mich hin, albern kichernd. Alkohol hat schon eine bescheuerte Wirkung! Nachdem ich mit einiger Mühe den Wagen aufgeschlossen hatte, saß ich endlich drin und schon startete ich den Motor. Jetzt dachte ich auch daran, die Scheibe ein Stück runter zu machen.
Ich bog vom Parkplatz links auf die kleine Straße ab, an der Hildes Kneipe lag und kam gleich zum Militärring. Dort an der Ampel musste ich bei Rot warten. Eigentlich quatsch, kein anderes Auto auf der Straße, dachte ich gerade, als doch noch einer von rechts kam und weiter auf dem Militärring fuhr. Ich knurrte und gähnte.
Grün. Blinker rechts, hoppla. Ich hatte den Wagen abgewürgt. War zum Glück keiner hinter mir. Also neu starten und los. Jetzt auf dem Militärring war ich auch in meiner Richtung allein unterwegs, stadtauswärts. Bei dem Wetter, noch dazu Montag Nacht, blieben wohl alle lieber zu Hause. Einer kam mir entgegen und der blinkte ein paarmal mit der Lichthupe. Was denn? Ach scheiße, Fernlicht an, fiel mir auf. Scheiben waren auch nicht mehr so stark beschlagen, also kann ich das ausmachen, kicher…
Fernlicht aus, Radio an, ich gähnte schon wieder. Wollte jetzt nicht auch noch auffallen, also Konzentration! Fehlte noch, dass die Bullen mich so erwischen.
Diese blöden Scheibenwischer taugen auch nichts mehr. Schmieren nur noch und müssen baldmöglichst ausgetauscht werden. Hier ist jetzt auch keine Straßenbeleuchtung mehr, rechts und links der Straße Wald. Viele Spazierwege, keine Ahnung wohin die führen. Jetzt war der Wald nur schwarz und da ging bestimmt keiner spazieren bei dem Scheißwetter.
Ich wische noch mal mit dem Ärmelbündchen meiner Jacke an der Windschutzscheibe. Radio lauter, Tina Turner „We don’t need another Hero“ im ARD Nachtrock auf WDR 2.
Als ich im Augenwinkel rechts am Fahrbahnrand das Licht sah, krachte es auch schon fürchterlich. Im gleichen Moment. Ich verriss das Lenkrad leicht und trat voll auf die Bremse.
„Scheiße, Mann, was war das?“ rief ich zu mir selbst.
Der Wagen stand, aber mein Herz raste. Was war das für ein schreckliches Geräusch gewesen? Nicht einfach ein Zusammenprall mit was auch immer. Da war ein Knirschen und ein Schleifgeräusch und verdammt, war da noch was? War da auch ein Schrei gewesen? Ich hab gebremst, aber irgendwo ist der Wagen trotzdem drüber gefahren, es hat gehoppelt. Ein „Klong!“ hatte ich auch noch gehört, das kam mehr von unten als von vorne oder seitlich. 
„Oh Mann, Scheiße! Was war das?“. Ich war geschockt, erschrocken, mein Herz raste, mein Hirn ratterte und mir fiel außer „Scheiße“ nichts Gescheites ein.
Ich stieg aus, meine Knie knickten leicht weg, ich ging nach hinten zum Wagen, um zu sehen, was ich überfahren hatte. Das Licht war schlecht, aber soweit ich das sehen konnte, war da nichts, gar nichts. Der Wagen schien hinten in Ordnung, beide Rücklichter brannten. Also nach vorne und dort mal sehen. Da musste ja was sein, so wie das gerummst hatte.
Und richtig, da war was. Der rechte Scheinwerfer war aus, das Glas gesplittert. Die Motorhaube stand darüber ein Stück hoch und hatte eine unschöne Wölbung nach oben bekommen. Das meiste hatte der rechte Kotflügel abbekommen, der war recht stark eingedrückt, im vorderen Bereich mehr als nach hinten. Das Rad schien in Ordnung, der Reifen war nicht platt.
„Oh Mann, verdammter Mist. Was hab ich da nur erwischt?“ murmelte ich vor mich hin.
Ich ging jetzt wieder nach hinten, aber diesmal nicht nur bis zum Heck meines Wagens, sondern weiter nach hinten. Ich habe ja nach der Bremsung nicht sofort gestanden fiel mir ein, also musste sich weiter hinten, da wo der Aufprall gewesen sein musste, ja noch irgendwas finden.

Ich hatte Angst, vor dem, was ich da finden würde.

Zunächst konnte ich nichts erkennen, die Rücklichter meines Wagens brachten da gar nichts. Ich ging einige Meter und dann sah ich was. Da lag was auf der Straße, am rechten Fahrbahnrand, halb im Graben. Das war kein Reh, soviel war von hier aus schon mal klar. Mein Herz schlug wieder schneller, nachdem es vorher den Takt etwas reduziert hatte.

Ein Motorrad, ja richtig. Oder besser das, was davon übrig war. So wie ich es erkennen konnte, war die Gabel vorne total verbogen, das Rad war ab und der Lenker war total krumm. Das Tank schien abgerissen zu sein, jedenfalls stank es nach Sprit. Das Krad lag auf der Seite, nur die Vordergabel auf der Straße, der Rest im Graben. Das Licht, was ich im Augenwinkel unmittelbar vor dem Zusammenstoß gesehen hatte, musste von dem Motorradscheinwerfer gekommen sein. Jetzt war es aus, der Scheinwerfer war gesplittert, genau wie meiner. Überall lagen kleine Splitter, Scherben und Plastikteile herum, ich trat auf einiges, was knirschte und zerbrach. Das Licht war wirklich schlecht hier.

Aber außer dem Motorrad konnte ich auf Anhieb nichts erkennen. Keinen Fahrer. Wo war der Fahrer? Oh Gott, schoss es mir durch den Kopf. Ich ging noch ein paar Meter weiter und sah angestrengt in den Graben und den anschließenden Waldrand.

Da!

Fast direkt hinter der Maschine lag jemand, ganz in schwarz gekleidet offenbar, denn ich sah ihn erst im letzten Moment. Keine Reflektoren oder so was. Ich stürzte in den Graben neben der Maschine und schon konnte ich mehr erkennen. Da lag ein Mensch, offenbar ein Mann, schwarze Jacke, schwarze Hose. Gesicht nach unten. Kein Helm. Der lag ein Stück weiter. Hatte er offenbar beim Unfall verloren. Ich ging vorsichtig noch einen Schritt näher und rief „Hallo, he Sie, alles ok? 

War natürlich Blödsinn, natürlich war nicht alles ok, aber in so einer Situation ruft man nicht etwas logisch durchdachtes.

„Hey, hallo, können Sie mich hören?“ rief ich erneut und da stand ich schon neben ihm. Ich streckte die Hand aus und schüttelte ihn leicht an der Schulter. Keine Reaktion. Das Gesicht des Mannes lag zwar nach unten gerichtet, jedoch leicht zur Seite, so dass ich erkennen konnte, dass der Kopf eine sehr unnatürliche Beugung nach hinten machte und mir wurde das ganze schreckliche Ausmaß klar! 

Der Mann war tot. Ich plumpste auf den Hintern, rappelte mich wieder auf und stieß noch mal mit dem Fuß gegen den Oberkörper des Toten, aber da war kein Leben mehr!

„Oh Scheiße“ Ich drehte mich um und wollte gerade den leichten Abhang des Grabens hoch kraxeln. Dann drehte ich mich doch noch mal schnell um, denn da lag irgendwas neben dem Toten. War offenbar aus seiner Jacke gefallen. Ich griff danach. Ein Portemonnaie. Ein Ausweis steckte hinten drin, im Fach für die großen Scheine. Warum ich jetzt danach sah, weiß ich auch nicht mehr. Eigentlich völlig egal und irrational, aber Mann, ich hatte schon längst keinen klaren Gedanken mehr fassen können.

Feuerzeug. Licht. Ich sehe nichts. Ich hielt eine Hand mit dem Ausweis über das Feuerzeug und zündete. Musste paarmal zünden ehe es brannte. War auch schon feucht durch den Regen.

>Salzbach, Karl-Heinz< konnte ich erkennen, dann ging die Flamme aus.

Plötzlich tauchten Scheinwerfer auf. Gegenverkehr. Ich erschrak zu Tode. Jetzt erst begriff ich, in was für einer Lage ich war! Jeden Moment könnten hier Autos vorbeikommen! Die Scheinwerfer kamen näher und sausten vorbei. Gott sei Dank dachte ich. Weg hier.

Der kleine Abhang in den Graben war ganz schön glitschig durch den Dauerregen. Ich bemerkte erst jetzt, dass es immer noch regnete und ich war nass bis auf die Haut. Ich stand fast wieder auf der Straße am Fahrbahnrand. Ein letzter Schritt noch. Mein Fuß fand keinen Halt und ich rutschte leicht weg. Vornüber fiel ich hin, aber mein Kopf landete nicht auf der Straße, sondern auf etwas anderem. Eine Tasche. Reisetasche oder so. Leder oder Plastik, konnte man jetzt nicht so genau sagen, war alles pitschnass. Ich rappelte mich auf die Knie auf und sah nach. Eine Tasche, richtig. Gehörte wohl auch dem Toten. Schien recht voll zu sein.

Ich zog ohne überhaupt nachzudenken, warum, den Reißverschluss auf und prallte zurück. Geld, da war Geld drin, oder? Lauter Scheine, teils gebündelt, teils einzeln. Mein Feuerzeug gab mir ganz kurz Gewissheit, ehe es wieder erlosch. Meine Güte, die Tasche war voller Geld!

Ich glaubte, mein Kopf müsse platzen, so schlug mein Herz. Es pochte in den Schläfen und ich war überhaupt nicht mehr bei mir. Ich griff die Tasche und schon stand ich auf meinen Beinen am Fahrbahnrand. Mein Wagen war etwa 20 Meter weg. Ich umklammerte den Griff der Tasche so fest, als ob die Gefahr bestünde, sie könnte gleich wegfliegen. Dennoch tat ich das unbewusst, mehr so als Reflex. Wie ein Krampf, der in meine Hand fuhr und mich unfähig machte, loszulassen.

Tausend Gedanken kreisten in meinem Hirn, aber ich konnte keinen zu fassen kriegen. Schon machten sich meine Beine selbständig und liefen für mich in Richtung meines Wagens. Immer noch dunkel, noch kein anderer da, schoss es mir durch den Kopf. Tür auf, Tasche auf den Beifahrersitz, rein, Tür zu. Jetzt konnte ich den Griff lösen, die Tasche war in Sicherheit!

Sicherheit? Gar nichts war in Sicherheit!

Meine Beine zitterten, meine Arme auch und mich fröstelte, gleichzeitig war mir heiß.

Ich legte einen Gang ein, der Motor lief zum Glück noch. Der Wagen machte einen Hops nach vorne, als ich die Kupplung unelegant viel zu schnell kommen ließ, aber er ging nicht aus. Ich fuhr.

Zweiter Gang, Dritter.

Atmen nicht vergessen, Peter! Atmen. Ein tiefer Seufzer beim Ausatmen entwich mir.

Vierter Gang. Ruhig, ganz ruhig, versuchte ich mir zu sagen.

Blick in den Rückspiegel. Alles dunkel. Nein, jetzt kam von hinten Licht, zwei Scheinwerfer. Mussten jetzt ungefähr an der Unfallstelle sein. Oh Gott.

Ich bog rechts ab, da kam gerade eine Kreuzung, ich hatte grün.

Weg war ich, konnte die Scheinwerfer im Rückspiegel nicht mehr sehen.

Atmen!

Ok, gut, alles ok. 

Scheiße, gar nichts war ok. Ich sah kurz auf die Tasche auf dem Beifahrersitz. Dunkelbraunes Lederimitat oder so was.

Der Wagen schepperte heftig, als ich beim Abbiegen runter schaltete und dann wieder Gas gab. Irgendwas am Auspuff. Mit dem Jackenärmel wischte ich mir durchs nasse Gesicht, um klarer sehen zu können, aber die Jacke war genauso nass wie mein Gesicht.

Ich war auf jeden Fall jetzt wieder nüchtern. Vom Alkohol spürte ich vor lauter Adrenalin nichts mehr.

Rechts, jetzt wieder rechts, dachte ich gerade noch rechtzeitig vor der nächsten Kreuzung. Ich fuhr wie in Trance. Dann gleich wieder links und Du bist fast zu Hause. Ruhig, ganz ruhig, Peter.

„Scheiße, Scheiße, scheiße, was hab ich gemacht?“ rief ich zu mir selbst und schlug mit der Hand aufs Lenkrad. Was hab ich nur gemacht?

Auszug aus dem Thriller „September-Tod“, ISBN 978-1-48009-840-4 (Taschenbuch)



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