Dann kam der große Tag.
Um kurz vor ein Uhr nachts war so gut wie niemand mehr unterwegs. Die Straße war menschenleer. Der Mittwoch war jetzt eine Stunde alt und die Leute mussten früh aufstehen, morgen war wieder ein langer Arbeitstag. In den meisten Häusern brannte kein Licht mehr, nur ganz vereinzelt noch. Gerade fuhr noch ein Taxi vorbei, jetzt war es wieder sehr still.
In der Pizzeria brannte noch Licht, allerdings nur noch an der Theke, die Lampen über den Tischen waren bereits aus geschaltet. Zu sehen war niemand mehr darin, aber Maria war noch da. Sie saß hinten in ihrem kleinen Arbeitsraum und machte die Tagesabrechnung.
Ich hatte so geparkt, dass ich bequem durch die Windschutzscheibe auf die Pizzeria sehen konnte, den Eingang gut im Blick hatte. Ich stand dennoch etwa 60 Meter weit weg in einer Seitenstraße, so dass mein Auto überhaupt nicht auffiel. Bruno hatte gesagt, er sei hier, aber ich kann ihn nirgends entdecken. Vielleicht kommt er noch. Wurde aber auch Zeit, Maria konnte jeden Moment heraus kommen, sobald Sie fertig war mit Geld zählen.
Jetzt ging die Tür zur Pizzeria auf und ein Mann trat heraus. Hinter ihm war Maria, aber sie schloss die Tür von innen und schien wieder abzusperren. Offenbar hatte sie nur den Kellner raus gelassen. Der hatte jetzt seinen wohlverdienten Feierabend. Maria ging wieder nach hinten und war wieder außer Sicht in ihrem Arbeitszimmer.
Keine Spur von Bruno. Verdammt. Was mach‘ ich jetzt? Soll ich es alleine durchziehen oder ist da was schief gelaufen? Mein Revolver lag auf dem Beifahrersitz unter einem Handtuch. Ich griff danach und es fühlte sich gut an, wie er da so schwer und mächtig in meiner Hand lag. Ich legte ihn wieder weg und das Handtuch darüber. Falls sich doch noch ein Passant um diese Uhrzeit hierher verirrt und er zufällig in meinen Wagen sehen sollte, dann wäre es unvorteilhaft, wenn dort eine Knarre läge.
Ich sah im Rückspiegel, wie sich ein Mann zu Fuß von hinten meinem Wagen näherte. Gerade noch davon gesprochen, beziehungsweise daran gedacht! Das Handtuch verdeckte den Revolver und ich blieb regungslos sitzen. Der Mann hatte jetzt fast meinen Wagen erreicht. Er ging leicht schwankend auf dem Gehweg. Offenbar ein später Zecher auf dem Heimweg. Es war so dunkel in der Seitenstraße hier, dass ich sehr wenig von ihm erkannte. Als er neben meinem Wagen war, hob er die linke Hand ein wenig und reckte den Daumen nach oben! Dann war er schon vorüber und bog rechts auf die Hauptstraße ab.
Bruno! Das war Bruno, jetzt erkannte ich ihn. Verdammt nochmal, der Kerl ist gut! Ok, also ist er da und alles ist gut.
Maria erschien an der Tür. Alle Lichter bis auf eine kleine Lampe an der Theke gingen aus und Maria schloss die Eingangstür auf. Dann trat sie heraus auf den Gehweg. Sie wendete mir den Rücken zu, als sie den Schlüssel von außen ins Schloss steckte und abschloss.
Maria war eine leicht untersetzte, hübsche Frau mit langen braunen Haaren, die ganz leicht gelockt bis auf die Schultern fallen. Sie trug Jeans und eine helle Bluse, vielleicht weiß, aber im schwachen Schein der gelblichen Straßenbeleuchtung wirkte sie eher wie elfenbeinfarben. Maria trug an diesem Abend flache bequeme vorne offene Schuhe. Gerade als sie sich umdrehte, war ich genau hinter ihr. Sie hatte mich nicht gehört. Erschrocken zuckte sie zusammen, als ich da so plötzlich hinter ihr stand. Ihr schönes Gesicht zeigte ihre Anspannung und Überraschung, die fast schwarzen Augen waren kurz ganz weit aufgerissen, als sie mich erblickte. Ihr Mund leicht geöffnet und die vollen, schön rot nachgezogenen Lippen gaben mit den leuchtenden weißen Zähnen ein tolles Ziel ab. Ich hatte die Waffe schon hoch genommen und auf sie gerichtet, noch ehe ich ganz bei ihr war. Jetzt trennten uns vielleicht noch drei Meter. Der Schuss war sehr laut und die Kugel traf sie mitten ins Gesicht. Ihren Mund hatte ich wohl nicht ganz genau getroffen, eher ein bisschen rechts oberhalb davon, aber die Wirkung war die gleiche. Die in ihrem Kopf aufplatzende Patrone tat ihr zerstörerisches Werk und pilzte auf, ehe sie sich durch die Knochen, Sehnen und Muskeln ihren Weg bahnte und dabei nach hinten immer mehr Materie mit sich riss und gleichzeitig in immer mehr Einzelteile zerbarst. Mit einem lauten klatschenden Geräusch platzte Ihr Gehirn aus dem zertrümmerten Hinterkopf auf die Eingangstür der Pizzeria Napoli und rann dort in klebrigen blutigen Fetzen herunter. Maria machte noch einen Ton, der wie »Uff!« klang, als das letzte Mal die Luft aus ihren Lungen entwich. Dann sank sie zusammen und landete mit ihrem drallen Hintern in ihrem eigenen Gehirn.
Ich wandte mich ab und rannte zu meinem Wagen, den ich in weniger als 10 Sekunden erreichte. Der Motor lief, ich sprang rein und fuhr sofort ohne Licht los. Erst jetzt ging hinter einigen Fenstern Licht an. Aus dem Tiefschlaf heraus brauchte man ein paar Sekunden nach so einem Knall, um sich zu orientieren. Als der erste Nachbar aus dem Fenster sah, lag die Straße so ruhig da, wie vorher. Ich war schon zwei Blocks weiter und fuhr nun mit Licht, bemüht ruhig und nicht zu schnell. An der nächsten Kreuzung bog ich links ab und an der darauffolgenden wieder rechts. Zwei Minuten waren jetzt vergangen und es sollte noch eine weitere dauern, ehe ich aus der Ferne Martinshörner hörte. Ihr Ton klang nicht wie »Taaatü-taaata«, sondern eher wie »zu spääät-zu spääät«.
»Sehr gut!«
Ich zuckte wild zusammen, als ich die Stimme hörte. Bruno richtete sich gerade von der Rückbank auf. »Sieh nach vorne und fahr‘ vorsichtig!«, befahl er mir.
»Mensch, hast Du mich erschreckt!«, raunzte ich ihn an.
»Ja schon gut, beruhige Dich! Alles ist gut. Da vorne links!«
»Was?«
»Links, da vorne! Links abbiegen!«, befahl er mir. Ich bog ab.
»Was …?«
»Kannst mich hier raus lassen!«, sagte Bruno. Ein Supermarktparkplatz war auf der rechten Seite. Da standen nur zwei Autos drauf. Ein BMW und ein Mercedes. Ich hielt an. Bruno stieg sofort aus.
»Fahr‘ weiter. Wir mailen! Gut gemacht!« …

 

Zu meinem großen Erstaunen meldete sich bereits wenige Tage nach meinem letzten Auftrag eine Frau auf meinem Handy. Bislang hatte ich, sowohl alleine als auch mit Bruno zusammen, immer nur mit männlichen Auftraggebern zu tun. Aber auch in diesem Metier herrscht Gleichberechtigung! Dennoch war ich erstaunt und dachte zunächst, die Frau hätte sich verwählt. Ich weiß bis heute nicht, wie sie an die Nummer gekommen war, sie hat es mir nie verraten. Überhaupt war die Frau sehr geheimnisvoll, genauso wie die ganze Geschichte um sie herum und der dazu gehörende Auftrag für mich.
»Hallo, hier spricht Mira-Ann«, meldete sie sich, nachdem ich dran ging.
»Ja?« fragte ich. Ihren Namen, wenn es denn ihrer war, sprach sie englisch aus, also »Mira-Änn«.
»Sie sind doch der Mann für spezielle Aufträge, oder?«, fragte sie rund heraus.
»Kann schon sein«, sagte ich. Eine Frau! Jetzt bin ich ja mal gespannt!
»Sehr gut. Wir brauchen Sie. Wir haben da ein Problem und Sie können uns helfen!«
»Wir?«, fragte ich.
»Ja.«
»Wer ist ‚wir‘?«, bohrte ich nach.
»Das ist jetzt nicht so wichtig. Oder hat das für Sie irgendeine Bedeutung?«, entgegnete die Unbekannte.
»Kommt drauf an …«
»Sehr gut. Wir werden sehen … Also ich habe einen Job für Sie. Können Sie mir helfen?«
»Kommt drauf an …«, Das entwickelte sich zu meiner Standardantwort, wie früher bei Bruno das »Hm«.
»Sehr gut! Können wir uns treffen? Ich möchte das nicht am Telefon besprechen. Ich muss Sie sehen, um zu sehen, ob wir Ihnen Vertrauen können!«
»Hm«
»Sehr gut!« Sie schien jeden Satz damit zu beginnen… »Ich werte Ihr Brummen mal als Zustimmung!«
»Nun, normalerweise treffen ich meine … Klienten …, nennen wir sie mal so, nicht persönlich, auch ich habe gewisse Risiken zu minimieren!« Das hatte ich fein ausgedrückt!
»Ja, mag sein, aber dies ist ein spezieller Fall!«, sagte sie.
»Ach ja?«
»Ja. Ich muss Sie vorher sehen. Das ist unabdingbar. Wenn Sie das partout nicht möchten, dann muss ich mir jemand anderes suchen!«
Klar, ist ja auch kein Problem, einfach in den gelben Seiten unter »Auftragsmörder» nachsehen und einen der unzähligen Einträge auswählen! Entweder hat die Frau verdammt viele merkwürdige Bekannte oder einen an der Waffel – oder beides.
»Ich habe nicht nein gesagt!«, entgegnete ich. Das alles war schon ein wenig geheimnisvoll.
»Sehr gut!« Darauf hätte ich wetten können, dass sie das jetzt sehr gut fand!
»Also gut, treffen wir uns«, sagte ich.
»Sehr gut. In einer Stunde im Kurfürstenpark, nördlicher Eingang. Wenden Sie sich nach rechts und nach zweihundert Metern kommt eine Baumgruppe mit großen alten Ulmen. Da ist eine Parkbank. Dort warte ich auf Sie!« Sie hatte es nicht mal für nötig erachtet, zu fragen, ob mir der Zeitpunkt oder Ort passt. Sie hat es einfach so festgelegt und bestimmt!
»Hm. In einer Stunde?«, fragte ich nach, um ein wenig Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Was steckte dahinter?
»Ja. Also bis gleich!« Und sie legte gleich auf! Na das ist ja ein Früchtchen, dachte ich mir. Keine Ahnung, wie alt ich sie schätzen sollte. Also ich meine wegen dem »Früchtchen«. Viel Zeit zum Überlegen blieb mir nicht. Ich musste mich erst noch anziehen und dort hin fahren, da ging schon mal locker eine gute halbe Stunde dafür drauf. Also was tun? Sollte ich?
Ja natürlich sollte ich. Dafür war ich viel zu neugierig. Neugierig auf die Frau, ihre geheimnisvolle Art und dann natürlich auf das, was sie von mir wollte. Außerdem hatte ich ganz vergessen zu fragen, woher sie meine Nummer hatte. Es war wie ein kleines Abenteuer, dachte ich. Ihre Rufnummer war nicht übertragen worden – natürlich. Ich habe dieses Handy auch so eingestellt, dass die Rufnummer unterdrückt wird. Zwar habe ich damit noch nie jemanden angerufen, aber wenn ich es mal müsste, dann erschien mir das so sicherer. Bruno hatte zwar gesagt, dass es sich um eine ausländische Prepaidnummer handelte, aber was weiß ich…
Ich sah auf die Uhr. Gleich 18 Uhr. Der Verkehr wird nicht ohne sein, also sollte ich mich lieber auf den Weg machen. Erst mal musste ich mir jedoch was zum Anziehen holen, denn ich war wie immer zu Hause ohne alles.
Ich war rechtzeitig da, obwohl ich so schnell keinen Parkplatz in der Nähe fand. Also bin ich ins Parkhaus gefahren und musste noch ein Stück laufen. Zum Glück war es trocken und nicht kalt. Ich hatte meine leichte Jacke angezogen und natürlich den Revolver eingesteckt. Er war frisch gereinigt und geladen.
Mira-Ann, wenn sie denn so hieß, stand unter der Baumgruppe und saß nicht auf der Parkbank wie angekündigt. Dort hatte sich ein älteres Ehepaar niedergelassen. Die beiden saßen stumm nebeneinander und stierten geradeaus. Ich war ein wenig unschlüssig, was ich jetzt machen sollte. Wir hatten ja kein Erkennungszeichen oder so was vereinbart.
Die Frau unter der Baumgruppe schien Mira-Ann zu sein, jedenfalls war weit und breit sonst keine einzelne Frau zu sehen. Aber so wie die aussah … Sie trug einen langen dunklen lilafarbenen Mantel und schwarze hochhackige Stiefel. Also wahrscheinlich trug sie noch mehr, aber durch den Mantel konnte ich natürlich nicht sehen, was sie drunter an hatte. Kurze schwarze Haare, ein bisschen wild, aber wahrscheinlich so gewollt und von einem exklusiven Coiffeur in stundenlanger Arbeit so hin drapiert. Die linke Seite war kürzer als die rechte geschnitten, aber wie gesagt, das sollte wohl so sein. Ich dachte noch, dass sie sich das Geld hätte sparen können und einfach einen Zehnjährigen mit einer Bastelschere an ihre Haare hätte lassen können und dann nach dem Aufstehen morgens schlicht nichts dran machen und es sähe nicht viel anders aus … Aber davon verstand ich nichts. Machte mir aber auch nichts aus. Davon musste ich nichts verstehen.
»Mira-Ann?«, fragte ich, als ich die Baumgruppe erreicht hatte und einen kleinen Moment unschlüssig herum stand.
»Ja«, sagte sie nur und kam auf mich zu. Sie hatte beide Hände in ihren Manteltaschen und ich hatte ebenfalls meine rechte Hand in meiner rechten Jackentasche und umklammerte den Griff meines Revolvers.
»Hallo«, sagte sie ohne eine Miene zu verziehen und streckte mir ihre Hand entgegen. Ich ließ meinen Revolver los und gab ihr meine. »Gehen wir ein Stück!«, sagte sie und blickte dabei zu dem älteren Ehepaar auf der Bank.
»Ok!«
 »Also, was kann ich für Sie tun?«, fragte ich.
»Gut, kommen wir gleich zur Sache«, sagte sie. Im Park war nicht so viel los und wir konnten uns relativ ungestört unterhalten. »Ich brauche eine Leiche!«
»Waaas?«, fragte ich ungläubig.
»Ja. Stimmt schon!«
»Wie … wie meinen Sie das, Sie brauchen eine Leiche?«, fragte ich nach. Mein Verdacht, dass die Lady einen an der Waffel hatte, keimte wieder hoch.
»Nun, ich brauche eine Leiche. Einen toten Menschen. Ist doch nicht so schwer, oder? Das ist doch Ihr Metier?«
»Leichenhandel ist nicht mein Metier!«, sagte ich leicht entrüstet. Was war das für eine merkwürdige Scheiße, dachte ich.
»Aber Sie könnten mir eine Leiche besorgen?« Sie ließ nicht locker.
»Ja schon. Aber wie … was stellen Sie sich denn so vor?« Ein surreales Gespräch.
»Mann oder Frau ist mir egal. Die Leiche sollte einigermaßen komplett sein. Ich brauche vor allem den Kopf und den Torso – in einem Stück. Arme und Beine sind nicht so wichtig!«
Ach so,  na dann, Arme und Beine sind nicht so wichtig! Die war irgendwo ausgebrochen, so viel stand fest. Erdbeerfarm, Lala-Ranch, Irrenanstalt oder wie auch immer man es nennen wollte. Sie sprach davon, wie wenn wir uns über einen Gebrauchtwagenverkauf unterhielten. Diese oder jene Ausstattung ist nicht unbedingt erforderlich, aber ich will Ledersitze!
Sie sah mich an und bemerkte meinen verdutzten Gesichtsausdruck und ahnte wohl meine Gedanken, denn sie sagte: »Ich bin nicht verrückt! Ich meine das wirklich ernst!«
»Aber … was um Himmels willen wollen sie denn mit einer Leiche?« Die allermeisten Menschen sind froh, wenn sie keine Leiche um sich herum haben und suchen nicht auch noch gezielt den Kontakt mit einer. Eher will man sie loswerden!
Sie sah mich an, ein paar Sekunden lang. Eindringlich. Dann sagte sie leise: »Ich glaube nicht, dass Sie das wirklich wissen wollen!«
Ich wusste es nicht. Wirklich nicht. Wollte ich es wissen? Ich hatte schon in paar seelische Abgründe geblickt, inklusive meines eigenen, aber das hier schien eher eine tiefe Schlucht als ein Abgrund zu sein…
»Ich weiß es nicht«, sagte ich ehrlich.
»Dachte ich mir!«, sagte sie. »Also, können Sie mir eine Leiche besorgen?« In meinem Kopf drehte sich alles, ich versuchte klar zu denken. Ich hatte ja gerade keine Leiche auf Lager, haha …
»Was stellen Sie sich denn vor?«, stellte ich die Gegenfrage.
»Was meinen Sie?«, fragte sie nach.
»Na, ein Unfallopfer, einen Ermordeten, einen alten Mann, der an Altersschwäche gestorben ist, oder was?«
»Das ist mir egal, ich brauche hauptsächlich Kopf und Rumpf – zusammenhängend. Ach so, kein Kind! Die Knochen sollten schon noch ganz sein, also nicht irgendeiner, der zerquetscht wurde oder so was!« Natürlich nicht! Kein Zerquetschter! Meine Güte, was alles so frei herum läuft!
»Ich … ich denke, das ginge schon, aber das ist sehr ungewöhnlich!«, stammelte ich.
»Sehr gut. Ja das ist mir klar, dass das ungewöhnlich ist. Deshalb wende ich mich ja an Sie! Man bekommt Leichen nur sehr schwer, die Leute sind da sehr eigen. Jeder will beerdigt werden und man kann irgendwie auch keine Leichen kaufen!«
Oh Mann! »Also gut«, sagte ich, »tun wir mal so, als wäre das alles ganz normal. Sie brauchen also eine möglichst komplette Leiche mit intakten Knochen. Ein Erwachsener, kein Kind. Der Rest ist egal, richtig?«
»Ja genau. Sehr gut!« Ich konnte das beim besten Willen nicht »sehr gut« finden, aber was soll’s! Ob ich jetzt jemanden töte oder der Lady hier einen Toten besorge, was macht das schon für einen Unterschied?
Mein Kopf machte den Unterschied! Ich dachte daran, was diese kranke Frau mit einer Leiche wollte. Wenn jemand einen anderen Menschen töten lassen will, dann hat er dafür wahrscheinlich einen Grund, einen für mich irgendwie nachvollziehbaren Grund, auch wenn ich ihn nicht kennen würde. Ich könnte mir zumindest vorstellen, dass es einen guten Grund dafür gibt. Aber hier scheiterte es bereits daran, dass ich mir gar keinen Grund vorstellen konnte. Das war einfach nicht mehr normal, nicht begreifbar!
»Aber …«, begann ich. »Was … wofür?« Meine Fähigkeit, zusammenhängende sinnvolle Sätze zu artikulieren, löste sich in Nichts auf.
»Na gut, also sagen wir mal: Für ein wissenschaftliches Experiment!«, entgegnete sie. Mira-Ann verzog dabei wie immer keine Miene. Die Frau war mir unheimlich.
»Wissenschaftliches Experiment?«, zweifelte ich.
»Ja, warum nicht?«
»Hm. Aber es geht mich ja wirklich nichts an. Ich bin nur neugierig. So was habe ich noch nicht erlebt!«, sagte ich ganz ehrlich.
»Das glaube ich gerne!«
»Sind Sie in irgendeiner Sekte oder so was?« Dabei sah ich Mira-Ann genau an. Ihr Outfit war schon ein wenig skurril, aber heutzutage ist vieles erlaubt und was ist schon normal?
»Nein!« Das kam sehr scharf und bestimmt aus ihrem schönen Mund. Zum ersten Mal entdeckte ich ein leichtes Mienenspiel in ihrem Gesicht. Hatte ich da doch ins Schwarze getroffen?
»Ok, schon gut«, beschwichtigte ich.
»Ich glaube wirklich, Sie wollen das nicht wissen und es spielt ja eigentlich auch keine Rolle für Ihre Aufgabe, wofür ich die Leiche brauche, oder? Lassen wir es doch einfach dabei!« Jetzt schlug sie auch wieder einen versöhnlicheren Ton an.
»Ok, gut«, sagte ich. »Und wie genau haben Sie sich das vorgestellt?«, fragte ich.
»Was meinen Sie? Sie besorgen die Leiche, bringen sie zu mir oder sagen mir, wo ich sie abholen soll und bekommen ihr Geld und fertig!« Ja klar, ganz einfach, logisch. Die Frau ist so realitätsfern wie nur was.
»Also würde es Ihnen reichen, wenn ich Ihnen sage, wo Sie die Leiche abholen können?«
»Ja, prinzipiell schon. Aber nicht einfach ‚auf dem Friedhof, dritte Reihe links, Schaufel steht am Grabstein‘. Ich habe keine Lust zu buddeln!«
»Ja, schon klar. Ok.« Na, ob das alles so klar und ok war, bezweifelte ich.
»Wenn Sie mir die Leiche liefern, bis zu einem Ort, den ich Ihnen noch nennen werde, dann bekommen Sie dafür 10.000!«
»Fünfzehn«, sagte ich selbstbewusst.
»Sehr gut. Also Fünfzehn. Aber dafür liefern Sie!«
»Gut!« Worauf ließ ich mich da bloß ein?
»Abgemacht!«, sagte Mira-Ann.
»Bis wann brauchen Sie die Leiche? Und wo soll ich sie hinbringen?«, fragte ich. Keine Ahnung, wo ich jetzt eine Leiche herbekommen sollte, aber mir würde schon was einfallen. Hoffentlich …

Auszug aus dem Roman „Ich, der Killer“

ISBN 978-1-40002-207-2 (Taschenbuch), ISBN 978-3-7309-0114-4 (eBook)



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